Ratgeber

Barrierefreie Wohnung einrichten: Ein Raum-für-Raum-Leitfaden für mehr Selbstständigkeit

Barrierefreie Wohnung richtig einrichten: Konkrete Tipps, Kosten & Zuschüsse für Küche, Bad & Co. Von Wohnberaterin mit 15 Jahren Erfahrung.

Helles barrierefreies Wohnzimmer mit breiten Durchgängen und rollstuhlgerechten niedrigen Möbeln
IF

IFBA Redaktion

Institut für Barrierefreiheit

||4 Min. Lesezeit

# Barrierefreie Wohnung einrichten: Ein Raum-für-Raum-Leitfaden für mehr Selbstständigkeit

Frau Schmidt aus Köln rutschte in ihrer Dusche aus und brach sich das Handgelenk. Nach dem Krankenhaus war ihre „barrierefreie" Wohnung plötzlich voller Hindernisse. Die Türschwellen, die vorher kein Problem waren, wurden zu unüberwindbaren Bergen. Der Haltegriff im Bad? Viel zu niedrig für den Rollator. „Barrierefrei nach DIN" bedeutet leider nicht automatisch „alltagstauglich".

Als Wohnberaterin erlebe ich das täglich. Menschen bekommen barrierefreie Wohnungen zugeteilt oder investieren in teure Umbauten – und scheitern trotzdem an simplen Alltagssituationen. Der Grund: Zwischen Norm und Realität klaffen Welten.

Warum Standards nicht für jeden funktionieren

Die meisten Beschwerden, die ich höre, drehen sich um drei Probleme: Lichtschalter sind nicht erreichbar, Arbeitshöhen passen nicht und die Bewegungsfreiheit reicht hinten und vorne nicht. Ein Rollstuhlfahrer braucht andere Anpassungen als jemand mit Rollator. Eine Person mit Arthritis hat völlig andere Bedürfnisse als jemand nach einem Schlaganfall.

Die gute Nachricht: Oft bewirken kleine, gezielte Veränderungen mehr als ein Komplettumbau für 20.000 Euro. Ein Ehepaar aus Münster investierte beispielsweise nur 800 Euro in Beleuchtung mit Bewegungsmeldern und höhenverstellbare Arbeitsplätze – das brachte mehr Lebensqualität als der geplante Badumbau.

Flur und Eingang: Hier fängt Sicherheit an

Stolperfallen eliminieren ist die wichtigste Maßnahme. Türschwellen lassen sich mit Keilen abschrägen oder durch Rampen überbrücken. Kosten: 15-50 Euro pro Schwelle. Lose Teppiche gehören weg oder werden rutschfest verklebt.

Beleuchtung mit Bewegungsmeldern sollte auch tagsüber funktionieren. Bei bewölktem Himmel oder in dunklen Fluren passieren viele Stürze. LED-Leuchten mit Sensoren gibt es ab 25 Euro – die Installation kostet etwa 80 Euro pro Punkt.

Die Garderobe muss für Rollstuhl- oder Rollatornutzer erreichbar sein. Optimal sind Hakenleisten in 120 cm Höhe statt der üblichen 160 cm. Schuhregale gehören erhöht montiert – bücken ist oft das größte Problem.

Küche: Selbstständig kochen bleibt möglich

Die 60-cm-Regel verstehen

Standardküchen sind für stehende Menschen geplant. Wer im Sitzen oder mit Gehhilfen arbeitet, braucht unterfahrbare Bereiche. Das bedeutet nicht gleich Komplettumbau: Unterschränke lassen sich teilweise entfernen, Arbeitsplatten mit höhenverstellbaren Systemen nachrüsten.

Ein Kunde aus Dortmund ließ für 2.800 Euro eine 80 cm breite Arbeitsplatte höhenverstellbar umbauen. Kosten für die komplette Küche wären 15.000 Euro gewesen. Er kann wieder selbstständig kochen – das war das Ziel.

Grifflösungen für eingeschränkte Handfunktion sind oft simpel: Bügelgriffe statt Knöpfe an Schränken, Einhebelmischer am Spülbecken, große Griffe an Schubladen. Die Umrüstung kostet meist unter 300 Euro.

Sicherheit am Herd geht vor allem über Abschaltautomatiken. Moderne Systeme erkennen überhitzte Töpfe oder vergessene Herdplatten. Nachrüstung: 200-400 Euro je nach System.

Badezimmer: Ohne Umbautrauma zur sicheren Dusche

Duschumbau ohne Chaos

„Geht das ohne die Fliesen zu zerstören?" Das fragen mich alle. Ja, geht. Duschboard-Systeme werden über vorhandene Fliesen geklebt. Umbauzeit: 3 Tage statt 3 Wochen. Kosten: 2.500-3.500 Euro statt 8.000-12.000 Euro für komplette Fliesensanierung.

Haltegriffe richtig positionieren ist entscheidend. Häufigster Fehler: zu niedrige Montage. Für Rollatornutzer müssen Griffe in 85-90 cm Höhe sitzen, für Gehstocknutzer in 80-85 cm. Wandanker sind Pflicht – nie nur in Fliesen dübeln.

Bei Toilettensitzerhöhungen kommt es auf die richtige Höhe an. Faustregel: Die Füße sollten den Boden berühren, die Knie etwa im 90-Grad-Winkel stehen. Erhöhungen von 6, 10 oder 15 cm sind Standard.

Gut zu wissen

Die Pflegekasse übernimmt bis zu 4.180 Euro pro Maßnahme bei vorhandenem Pflegegrad. Auch ohne Pflegegrad gibt es KfW-Zuschüsse bis 6.250 Euro für Barrierereduzierung. Anträge sollten vor Baubeginn gestellt werden.

Wohn- und Schlafzimmer: Bewegungsfreiheit schaffen

Die 90-cm-Regel beachten

Rollatoren brauchen 90 cm Durchgangsbreite, Rollstühle 80 cm. Das klingt wenig, ist aber in normalen Wohnzimmern oft nicht gegeben. Möbel an die Wände rücken hilft meist schon. Notfalls müssen Türen verbreitert werden – kostet 800-1.200 Euro pro Tür.

Den Bettausstieg erleichtern können höhenverstellbare Betten (ab 800 Euro) oder einfache Aufstehhilfen (ab 150 Euro). Die optimale Betthöhe liegt bei 45-50 cm – so hoch wie ein normaler Stuhl.

Lichtschalter und Steckdosen nachrüsten ist einfacher als gedacht. Funkschalter kleben auf die Wand, zusätzliche Steckdosen lassen sich oberputz verlegen. Kosten pro Raum: 150-300 Euro.

Smart Home für mehr Autonomie

Sprachsteuerung hilft besonders bei eingeschränkter Handfunktion. „Alexa, Licht an" funktioniert auch mit Sprachproblemen nach Schlaganfall. Starter-Sets gibt es ab 200 Euro, professionelle Installation ab 800 Euro.

Die häufigsten teuren Fehler vermeiden

Viele montieren Haltegriffe zu niedrig – orientieren sich an Rollstuhlmaßen, obwohl sie Rollator oder Gehstock nutzen. Anti-Rutsch-Matten im Bad halten meist nur wenige Monate. Professionelle rutschfeste Beschichtungen sind langlebiger, kosten aber nur 50 Euro mehr.

Der größte Fehler: Alles auf einmal umbauen wollen. Das überfordert finanziell und emotional. Besser schrittweise vorgehen: Was bereitet täglich Probleme? Damit anfangen.

Ihr nächster Schritt

Gehen Sie durch Ihre Wohnung und notieren Sie: Wo haben Sie täglich Schwierigkeiten? Was würde sofort helfen? Mit dieser Liste können wir in einem 15-minütigen Gespräch einschätzen, welche Maßnahmen bei Ihnen am meisten bewirken – und was realistisch umsetzbar ist. Rufen Sie an unter 0251 / 51 85 05 und schildern Sie Ihre Situation. Gemeinsam finden wir praktische Lösungen, die zu Ihrem Alltag und Budget passen.

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Über die IFBA Redaktion

Das Redaktionsteam des Instituts für Barrierefreiheit besteht aus Fachberatern für Wohnraumanpassung und barrierefreies Wohnen. Unsere Artikel basieren auf jahrelanger Beratungserfahrung und dem täglichen Austausch mit Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen.